Unsere Reisen nach Polen waren vielleicht die herzlichsten. Die Menschen in Gorzow haben nicht viel Geld, dennoch wird man unheimlich freundlich in den Gastfamilien aufgenommen. Fast jeder dort spricht englisch oder deutsch, die meisten sogar beides. Man kommt gut durch und kann sich leicht verständigen. Aber man muss aufpassen. Bei jedem Aufenthalt in Gorzow wurden wir gewarnt in der Öffentlichkeit kein deutsch zu sprechen. Viele der Menschen dort sind immer noch sehr antideutsch eingestellt. Gemerkt haben wir es aber so gut wie nie.

Buenos Aires, November 2002: Simon Münch, Elisa Neitzel,Teresa Sylvester, Helene Redmann, Katrina Teigeler, Daniel Nitschke,
Tilo Wedemeyer(v.l.n.r.)
Es war zu gleich auch fast schon eine Ehre gefragt zu werden, denn eigentlich darf man erst ab der 10. Klasse an Model UNs teilnehmen. Somit hatten wir das Vertrauen von Herrn Wedemeyer in unsere Fremdsprachenkenntnisse und waren voller Tatendrang. Doch erst mal wussten wir beide nicht, wie man eine Resolution schreibt. Zwar kannten wir die Themen mit denen wir zu tun haben würden, wussten auch wie wir uns in Hinblick auf die Meinung unseres Landes äußern wollten, aber die Form einer Resolution war uns fremd.
Wir bekamen ein paar Blätter die uns helfen sollten, doch sie verwirrten uns nur noch mehr. Schließlich fragten wir jemanden aus der 12. Klasse der einen einjährigen Amerika-Aufenthalt hinter sich hatte und schon bei mehreren Model UNs dabei war. Er konnte uns gut helfen und am Ende hatten wir zwei Resolutionen mit denen wir antreten konnten.
Im Spätherbst begann dann die erste Model UN auf Scharfenberg. Wir vertraten Finnland und waren mächtig aufgeregt, schließlich waren wir die Jüngsten und unser Englisch war den anderen unterlegen. Wir sagten kaum ein Wort, auch in den Einzelsitzungen, in denen wir getrennt nach Themen saßen, waren wir beide nicht sonderlich produktiv.
Wir hatten jedoch die Erlaubnis auf der Insel übernachten zu dürfen und verbrachten die Abende viel mit den Schülern aus Polen. Mit ihnen war es wirklich sehr lustig, zumal wir eine der ersten Erfahrungen im Gespräch mit anderen, in einer anderen Sprache sammeln konnten. Ich glaube, dass diese Abende uns viel Selbstvertrauen für die nächsten Model UN-Veranstaltungen gegeben haben.
Die nächste Model UN führte uns im Frühling 2001 nach Frankreich, in das kleine Nest Solesmes, dieser Ort befindet sich in der Nähe von Lille. Unsere Gruppe wohnte in Gastfamilien und wir waren großräumig auf die umliegenden Ortschaften verteilt. Über Frankreich gibt es nicht viel zu berichten, denn die meisten französischen Schüler sprachen miserabel Englisch und wir konnten uns fast nur mit drei Polen verständigen, die auch angereist waren.
Die Familien von Simon und mir waren sehr nett. Simon wurde die französische Küche näher gebracht und bei mir sprachen sie als Ausnahme in den Gastfamilien sehr gut englisch, die Verständigung war zumindest bei mir kein Problem. Wie schon bei der vorherigen Model UN und auch bei den Nächsten waren die Abende sehr unterhaltsam. Einen Abend waren wir in einer Tanzbar und hatten viel Spaß, den Nächsten wurde eine Feier in der Turnhalle der Schule geschmissen.
Wenn man nicht in Gesprächsrunden sitzt, über Probleme diskutiert und verschiede Meinungen zu einem Kompromiss zusammenfassen muss, ist die Stimmung viel gelöster und auch irgendwie fröhlicher. Man merkt, dass die anderen ähnlich ticken wie man selbst und dass sie nur die Positionen ihres Landes am Vormittag vertreten haben. Es entstehen witzige Gespräche und man lernt die Leute und das jeweilige Land ganz gut kennen.
In Polen wird die Model UN schon seit 15 Jahren veranstaltet und ist wahrscheinlich mit am besten organisiert. Es läuft sehr geordnet ab und die Schüler planen alles selbst und fangen schon ein dreiviertel Jahr vorher mit den Vorbereitungen an. Am Abend geht man in die Disco oder in eine der vielen Bars. Unsere Gastgeschwister haben es immer geschafft, dass zumindest alle aus einer Schule die Abende zusammen verbringen konnten, damit niemand alleine sein muss. Erwähnenswert ist vielleicht die Technodisco MBM. Es ist die einzige Disco in der wir jemals waren, wo die Tanzfläche direkt neben einer kleine Bowlingbahn ist.
Die erste Model UN, an der Daniel (rechts) und Simon (Mitte) teilnahmen:
Zusammen mit Niko König repräsentierten sie Canada
bei der FrenMUN in Solesmes, Oktober 2001.
Der Flug nach Buenos Aires über Madrid und Sao Paulo an sich war für mich schon ein Highlight, war es doch der Erste meines Lebens. Nicht ganz unproblematisch verlaufen –Verspätete Ankunft in Madrid, Ersatzflug über Sao Paulo, kaputte Reisetasche meinerseits...- kamen wir schließlich doch am Ende heile in Buenos Aires an. Für jene, die noch nicht in Südamerika waren, man steigt im Spätherbst aus dem Flugzeug aus und läuft gegen eine Wand aus Hitze und dicker Luft. Und das soll noch nicht mal negativ klingen. Bis anno 2002 wusste ich nicht, wie sattgrün Wiesen sein können.
Die Unterbringung erfolgte auch in Gastfamilien, Daniel und ich kamen in eine Familie: Deutscher Ursprung, Dank Honigbienenfarm relativ wohlhabend, am Rande Buenos Aires liegend.
Zu unserer freudigen Überraschung gab es nach 20 Stunden Flug ein dickes Blech mit Pizza und auch sonst eigentlich alles, was man sich an Speisen wünschen kann.
Die Konferenz fand auf einem Militärgelände statt – und zwar auf Spanisch. Niemand hatte damit gerechnet, dass es eine Andere Amtssprache bei Model UNs geben könnte, als Englisch.
Als der Irrtum bekannt wurde, wurden uns prompt persönliche Dolmetscher zur Seite gestellt. Diese waren deutschsprachige Schüler oder auch schon erwachsene Lehrerkinder. Unsere Reden wurden übersetzt, so wie wir mitbekommen haben nicht unbedingt verständlich, aber das machte auch nichts aus. Nachdem der Schlusssatz gefallen war und wir uns mit einem Gracias bedankten, gab es für jeden von uns einen bombastischen Applaus. Europäer halt.
Unsere Freizeit verbrachten wir fast ausschließlich in der ganzen Gruppe mit Gastgeschwistern. Wir fuhren in einen großen Freizeitpark mit Kart-Fahren und einer Achterbahn, für die sich 1,5 Stunden anstellen lohnte. In Deutschland hätte man diese vermutlich verboten, aber wir hatten unseren Spaß. Mein persönliches Highlight an diesem Tage: Ein Kolibri der vor meinen Augen in der Luft stehend Nektar aus einer kopfgroßen, rosa Blüte schlurfte. Des weiteren waren wir in einem Einkaufszentrum, dessen „Spielecke“ eher einem Vergnügungspark glich. Es gab eine Achterbahn, Sing-Hüpf-Spiele, eine Bowlingbahn mit Billard und jede Menge Sachen, von denen ich keine Ahnung hatte(und habe).
Nach Hause kamen wir meist mit dem Taxi, da Aufgrund der sozialen Lage in Argentinien die Sicherheit auf den Straßen nicht gewährt werden konnte. Auffallend hier, dass z.B. die Einkaufszentren und Bahnen mit Marmor gefliest waren, während draußen die Straßen eher Trümmerfeldern glichen. Man könnte sagen, alles was privatisiert ist oder Regierungsmitglieder betrifft, ist überdurchschnittlich gut erhalten, während der Rest schon seit Jahren zu zerfallen scheint.
Genug der kritischen Auseinandersetzung mit der sozialen Lage in Argentinien, zurück zu dem Erlebten.
An einem Tag waren wir auch in der City. Ich bin zwar aus Berlin viel gewohnt, aber die breiten Straßen rund um den Obelisk und Hochhäuser, die nur von Gassen getrennt werden um 13 Mio. Menschen Unterkunft zu bieten, haben mich und die anderen schon sehr beeindruckt. Wir machten einen Zwischenstopp in der deutschen Botschaft, wo wir gut versorgt wurden und zu einem Gespräch mit dem Botschafter geladen waren.
Wir sahen das Grab von Evita Peron und den rosa Präsidentenpalast, sowie einige Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten. Der Abschied fiel uns, glaube ich, allen schwer. Es gab tränen auf unserer Seite und der der Gastfamilien. Argentinien war für mich ein unvergessenes Erlebnis, nicht nur, weil ich das erste Mal geflogen bin, weil ich das erste mal Europa verlassen habe und auf die andere Seite des Globus gekommen bin, nein, auch weil ich eine Kultur gesehen habe die es fertig bringt, völlig verschieden und ähnlich zugleich zu sein.
Abschließend möchte ich noch ein Paar Worte allgemein über „Projekt Model UN“ verlieren.
Model UN war für mich immer wie Klassenfahrt 2-3 Mal im Jahr. Es gab ein Programm was man zu absolvieren hatte, und dann konnte man sich der Freizeit und den Leuten widmen. Den Unterschied zu einer Klassenfahrt machen lediglich folgende Punkte aus:
Außerdem entwickeln sich Bekanntschaften, die auch Chance auf ein wiedersehen haben, da viele an mehreren Model UNs teilnehmen und man sich so häufig in einer der Partnerschulen wiedertrifft.
Abgesehen davon hat die Teilnahme an solchen Veranstaltungen einen weiteren, entscheidenden Vorteil: Auf jede Bewerbung in der ich die Model-UN-Teilnahme erwähnt habe, habe ich ein positives, bis hin zu euphorisches Reply bekommen, und musste stets mehr darüber erzählen.
Ein großes Dankeschön an dieser Stelle noch einmal Herrn Tilo Wedemeyer, der uns all die Jahre die Teilnahme an den Model UNs ermöglichte und in seiner Freizeit all die Reisen mit uns unternahm.